Gehirngerechtes Lernen – neueste Hirnforschung

„Die Zeit ruft nach Persönlichkeiten, aber sie wird solange vergeblich rufen, bis wir die Kinder als Persönlichkeiten leben und lernen lassen, ihnen gestatten, einen eigenen Willen zu haben, ihre eigenen Gedanken zu denken, sich eigene Kenntnisse zu erarbeiten, sich eigene Urteile zu bilden; bis wir, mit einem Wort, aufhören, in den Schulen die Rohstoffe der Persönlichkeit zu ersticken, denen wir dann vergebens im Leben zu begegnen hoffen.“ (Ellen Key, schwedische Reformpädagogin, 1900).

Wie können wir unsere Kinder begleiten, die jungen, aufgeweckten, die Welt erforschenden Menschen zu bleiben, die sie in den ersten Lebensjahren sind? Welche Lern- und Lebensumgebung können wir ihnen schaffen, damit sie bei sich bleiben können?

„Als Neurobiologe kann ich nur sagen, dass das Allerwichtigste, das ein Mensch besitzt, und das die Voraussetzung ist, dass er viel lernt und sich später im Leben zurechtfindet, die angeborene Lust am Entdecken und am gemeinsamen Gestalten ist. Wenn das nicht verginge, würden alle Kinder ganz viel lernen. Die Schlussfolgerung aus dieser Erkenntnis ist: Wir sollten alles tun, dass dieser besondere Schatz, nämlich die Lust am Lernen, nicht verlorengeht.“ (Gerald Hüther).

Unsere Kinder kommen auf die Welt und lernen von erster Sekunde an. Ein neugeborenes Baby kann sich, wenn man es lässt und ihm die Zeit gibt, selbstständig am Bauch zum Busen seiner Mutter heraufziehen. Jeden Tag entdecken sie neues, erkunden die Welt, zuerst die ganz nahe, unsere Gesichter. Dann wird der Radius größer, das Wohnzimmer, die Wohung, den Spielplatz. Die Gegenstände, die Menschen. Warum sollte das jemals aufhören? Warum sollte es jemals nötig sein, ihnen Wissen vorzusetzen, einzutrichtern? Der innere Motor läuft unaufhörlich. Wie kann es uns gelingen, ihn nicht zu stoppen, zu bremsen?

„Die meisten Eltern, viele Schulen und wahrscheinlich sogar einige Kultusbehörden haben noch nicht mitbekommen, dass die Wirtschaft und auch die Hochschulen am schlimmsten darunter leiden, dass dort junge Leute ankommen, die nicht genug Motivation mitbringen. Sie haben die Lust am Entdecken und Gestalten hoffnungslos verloren.

Wir versuchen immer, den Kindern in der Schule Sachwissen beizubringen. Dabei haben PädagogInnen schon vor hundert Jahren darauf hingewiesen, dass es nicht darauf ankommt, einfach nur die Kulturgüter an die Kinder weiterzugeben, sondern darauf, in den Kindern immer wieder neu den Geist zu wecken, der die Kulturgüter hervorbringt.

Das heißt, am Ende ginge es in unseren Schulen nicht primär darum, dass alle perfekt Mathe, Englisch und Deutsch oder sonst was können, sondern dass sie begeisterte Lerner und Entdecker dessen sind, was Mathe, Englisch und Deutsch beinhaltet. Das ist etwas völlig anderes. Schon die alten Griechen haben gesagt: Es geht nicht darum, Fässer zu füllen, sondern Fackeln anzuzünden.“ (Gerald Hüther, Interview Spiegel, „Wissensdurst wird durch Klugscheißerei verdorben").

"Sobald sich Schüler für etwas interessieren, eignen sie sich das Wissen in sehr kurzer Zeit an, und dann bleibt es auch hängen. Denn nur dann werden im Hirn die Botenstoffe ausgeschüttet, die die Stabilisierung von neuen Netzwerken fördern." (Prof. Gerald Hüther „In jedem Kind steckt ein Genie“.

Das Gehirn funktioniert nicht wie ein Muskel. Damit im Gehirn wirklich langfristig etwas verankert werden kann, muss das Wissen unter die Haut gehen, muss uns berühren, fühlbar werden. Neurobiologisch bedeutet dies, dass emotionale Zentren aktiviert werden müssen und neue Netzwerke gebaut werden müssen. Nach einer Matura in einem Regelschulgymnasium sind nach 1-2 Jahren noch 10% des ganzen Schulstoffes als abrufbares Wissen vorhanden. Das ist wirklich wenig. Zu wenig.

In den letzten Jahren beschäftigen sich immer mehr Neurobiologen mit der Untersuchung des Gehirns beim Lernen. Die Frage, wie Lernen nun wirklich funktioniert und wie Wissen effektiv im Gehirn andocken kann, ist in aller Munde.

Neurobiologische Erkenntnisse legen nahe, dass begeistertes, genussvolles Lernen und ängstliches Lernen tiefgreifend unterschiedlich verlaufen und andere neuronale Systeme aktivieren. Im Angstmodus wird ein Teil des Gefühlsgehirns, des limbischen Systems im Mittelhirn aktiviert, das den Fokus auf Entkommen, also auf Flucht ausrichtet. Das Gehirn hält an simplen Schemata fest, die funktionieren. Dauernder Prüfungsstress, tägliche Misserfolgserlebnisse und Lernen aus Angst zu versagen sind also Gift für das Gehirn, das sich flexibel entwickeln möchte.

Fehler sind wichtig, damit wir angstfrei lernen können. In unserer Schule dürfen Kinder erst nach Gehör schreiben, ohne, dass ihnen die Fehler immer rückgemeldet werden. Vorbild dieser Freiheit ist das Sprechenlernen. Da störe es nicht im geringsten, sagt Erich Wittmann (deutscher Mathematikditakt, "mathe 2000"), "wenn Kinder nicht gleich alles richtig machen, ja, wir verstehen viele Fehler als Zeichen, dass sie sich mit Sprache produktiv auseinander setzen und auf dem richtigen Weg sind. Mathematik dagegen wird vielfach als eine von zwingenden Vorschriften beherrschte Disziplin verstanden. Das verleitet LehrerInnen dazu, den Kindern Regeln vorzugeben und Fehler sofort anzukreiden.Viele Fehler entstünden aber gerade, wenn Kinder kaum verstandene Regeln blind anwendeten. So ziehen manche beim schriftlichen Subtrahieren mehrstelliger Zahlen oft die kleinere Ziffer von der größeren ab, ganz gleich, welche oben steht und welche unten. Wenn sie beispielsweise 701 minus 698 rechnen, ziehen sie von der 8 eine 1, von der 9 eine 0 und von der 7 eine 6 ab und kommen auf 197. Ein systematischer Fehler, den Kinder machen, weil sie ohne Verständnis nur nach eingepaukten Regeln vorgehen.“

"Fast alles, was wir gelernt haben, wissen wir nicht. Aber wir können es", sagt der Neurobiologe Manfred Spitzer. „Wir können die Schuhbänder binden, ohne zu wissen, wie wir das im einzelnen machen. Wir können die Hauptstadt von Frankreich benennen, ohne zu wissen, wie Erinnerung funktioniert. Und wir können lernen, wissen aber meist wenig darüber, was genau dabei geschieht und wie wir es besonders erfolgreich gestalten können. Gehirne bilden sich zwar einerseits an Beispielen", sagt Spitzer, "vergessen aber andererseits meist die Einzelfälle und merken sich allgemeine Eigenschaften und Regeln. Was die Letzteren betrifft, so nutzt es in vielen Gebieten so gut wie nichts oder kann sogar schaden, stumpfsinnig Regeln auswendig zu lernen. Kinder brauchen vor allem gut ausgewählte Beispiele. Auf die Regeln kommen sie dann von selbst." (Manfred Spitzer "Wie lernen funktioniert").

Gerald Hüther plädiert immer wieder, dass es nicht mehr darauf ankommt in Schulen Wissen zu vermitteln. Wissen ist so leicht für uns zugänglich, dass wir in sehr vielen Ländern der Welt uns jederzeit das Wissen online beschaffen können, das wir brauchen. Man kann Kindern helfen, wie sie sich Wissen technisch aneignen können.

„Die wichtigere Möglichkeit, sich Wissen anzueignen, besteht aber darin, mit anderen Menschen Wissen auszutauschen, weil Wissen allein einem ja noch nicht hilft, sich in der Welt zurechtzufinden. Viel wichtiger als Wissen ist ja Erfahrung. Da man nun aber nicht allein sämtliche Erfahrungen machen kann, auf die es im Leben ankommt, wäre es wichtiger für die Zukunft der Schule, dass SchülerInnen lernen, wie man sich die Erfahrungen anderer Menschen zugänglich macht. Damit ich das kann, muss ich auf andere Menschen zugehen können, dazu brauche ich soziale Kompetenz, und die hat ganz viel mit Mitgefühl und Einfühlungsvermögen zu tun. Schüler sollten in der Schule also vor allem zwei Dinge lernen, nämlich wie viel Freude es macht, wenn man sich Wissen erschließt, und dass es nichts Schöneres gibt, als sich Wissen von anderen Menschen zu erschließen, mit denen ich in eine Begegnung komme.“ (Gerald Hüther)

Der Hippocampus ist eine Gehirnstruktur am unteren Rand der Hirnrinde, der besonders wichtig ist für das Lernen neuer Fakten. Er sorgt dafür, ob wir neue Fakten als attraktiv bewerten. Auch sorgt unsere Aufmerksamkeit dafür, dass wir uns Dinge merken, obwohl wir nicht die Absicht hatten.

„Neurobiologische Erkenntnisse führen in Variationen stets zu den gleichen Schlussfolgerungen: Das Gehirn ist kein Computer, in dem man Beliebiges speichern kann. Menschliches Lernen ist geleitet von Interesse, von der Suche nach Einsicht und Sinn. Aktives Handeln und Forschen, Erfahrungen mit allen Sinnen und intellektuelle Fähigkeiten erleichtern diese Suche, ebenso vielfältige Vernetzung sowie eine unterstützende emotionale und mitmenschliche Atmosphäre.“ (Geo, „Wie das Wissen in den Kopf kommt")

Altersgemischte, jahrgangsübergreifende Lerngruppen sind das erfolgreichste Lernmodell der Evolution: wenn Kinder miteinander spielend die Welt entdeckt haben, und je unterschiedlicher sie waren, desto besser. Außerdem passiert in dem Moment, wo sehr unterschiedliche Kinder gemeinsam lernen, etwas Wunderbares: Sie lernen sich in ihrer Unterschiedlichkeit kennen und wertschätzen. (Gerald Hüther)

  • „Hirngerecht“ sind Bildungsangebote für Kinder (wie auch für Jugendliche und Erwachsene) immer dann,
     wenn sie „Sinn machen“, d. h. bedeutsam und wichtig für das betreffende Kind sind, sei es auch nur, dass sich jemand über das, was das Kind gelernt hat, aufrichtig freut
  • wenn sie als eigene Erfahrung am ganzen Körper, mit allen Sinnen und unter emotionaler Beteiligung erfahren werden, wenn sie also „unter die Haut“ gehen
  • wenn die so gewonnenen Einsichten, Erfahrungen, Kenntnisse und Fähigkeiten sich im praktischen Lebensvollzug als nützlich und vorteilhaft, d.h. praktisch anwendbar erweisen, auch und gerade außerhalb von Kindergarten und Schule.

(Gerald Hüther, „Atmosphäre schaffen für Entwicklung“)

In homogenen Klassen kommt es durch das Streben nach Individualität zu Konkurrenz. Nicht das Miteinander ist wichtig, die interessante Unterschiedlichkeit, sondern das sich Abheben wollen aus der Masse. Automatisch entstehen Gewinner und Verlierer.

„Ziel des Systems homogener Klassen war: oben viele reinzufüllen, um unten ein paar Gute rauszukriegen. Das hat auch funktioniert und wird in 100 Jahren noch funktionieren. Die Frage ist: Trägt uns das noch im 21. Jahrhundert? Können wir uns so viele Verlierer leisten, oder käme es nicht vielmehr darauf an, dass jedes Kind in der Schule die gleiche Chance hat?“ (Lisa Nimmervoll, Interview mit Gerald Hüther, Standard, 9.11.2015)

Lernen kann nur unter gut überlegten Rahmenbedingungen funktionieren, die durchdacht und vom Herzen geleitet sind. Bildung und Reifung kann auch außerhalb des Elternhauses nur mit Beziehungspersonen (LernbegleiterInnen) funktionieren, die zugewandt, herzlich und unterstützend mit den Kindern umgehen.

Zusammengefasst von Mag. Julia Brandmayr

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