Elternengagement an der Freien Schule

Wir sind wie gesagt seit heuer neu dabei an der Schule. Gerade haben wir eine 1,5tägige Klausur mit externer Unterstützung hinter uns gebracht. Wie's war? Uff und beeindruckend und bereichernd!!! Wir - also Eltern und Lernbegleiterinnen - haben uns mit unseren Themen, Fragen und Anliegen beschäftigt. Themen in Bezug auf die einzelnen Kinder und Dynamiken unter diesen aber auch in Bezug darauf, welche Lernbedürfnisse die verschiedenen Haupt-Altersgruppen an unserer Schule haben. Was wollen und brauchen die jungen Kinder (6- ca. 9J.), was wollen und brauchen die ca. 9-12 Jährigen? Und was brauchen die Jugendlichen bis zum Verlassen der Schule (und darüber hinaus)? Welche Formen und Zeiten des Lernens sind wichtig? Welche Begleitung und Führungsqualitäten braucht's seitens der Lernbegleiterinnen dazu? Was kann und soll hier die Freie Schule leisten, damit nicht das gesellschaftliche Bild tradiert wird "die lernen dort eh nix" und die SchülerInnen wirklich in ihre Verantwortung gehen?

An dieser Stelle berichte ich nun - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - über unsere Erkenntnisse.

Wir bemerkten wieder einmal, dass im (kindlichen) Lernen eine bunte Vielfalt an Lernformen und Aktivitäten relevant ist, die nicht einfach unmittelbar auf den Erwerb der Kulturtechniken (oder was man sonst so mit Schule assoziiert) abzielen, sondern sich darüberhinaus um Sozialerfahrungen und Metakompetenzen ranken. Ohne derartige Lernerfahrungen wäre niemand dazu in der Lage, planend, vorausdenkend, abwägend, selbstständig oder in Gruppen und Teams vertieft, zielgerichtet und zugleich reflektiert zu arbeiten. Wie wir inzwischen wissen, sind diese Kompetenzen in der Frage, ob jemand zielgerichtet arbeiten kann, mindestens so wichtig wie die Kulturtechniken... (...schon mal so betrachtet?).

Und ja, das Fundament dafür ist tatsächlich nicht erst im Alter ab der Oberstufe bzw. Berufserlangung, sondern schon in der (frühen) Kindheit aufzubauen. Indem Kinder scheinbar ohne Lehrplan-Bezug in scheinbar zweckfreie Tätigkeiten eintauchen. Beispiel? Beispiel: Unsere SchulanfängerInnen-Kinder haben jetzt ca. 5 Wochen lang intensivst Kerzen gegossen und getropft und vermutlich 50% ihrer Tages-Schulzeit genau damit verbracht, hier eine individuelle Perfektionierung von Arbeitsschritten, eine Annäherung an sich weiterentwickelnde eigene ästethische Vorstellungen, ein Kennenlernen und Erleben von Materialeigenschaften und eine unglaubliche Geduld zu praktizieren. Haben Sie schon mal eine ganze Kerze getropft, indem sie mindestens 1,5h lang - je nachdem, ob mit oder ohne Pausen und je nach beabsichtigter Kerzengröße - Kerzenwachs in eine Form getropft haben? Manche Kinder haben in diesem Prozess rund 15 solche Kerzen angefertigt. Jetzt ist dieses Thema allmählich für alle abgeschlossen, eine "innere Sättigung" ist erreicht.
Was könnte als nächstes kommen? Vor Weihnachten vermutlich, dass diese Kerzenvielfalt an liebe FreundInnen und Familienmitglieder weitergeschenkt wird. Zu einer anderen Jahreszeit wäre vielleicht überlegt worden, die Kerzenpracht zu verkaufen und von dem Gesamterlös etwas Gemeinsames zu kaufen oder ihn anzusparen. Dabei würden dann zwangsläufig die Kulturtechniken einfließen und die noch weniger rechenkundigen Kinder hätten Vorbild und guten Grund, sich an's Addieren zu machen oder auch zu multiplizieren oder mit Schlussrechnungen zu operieren... Wir freuen uns schon sehr darauf, denn der Tag kommt bestimmt! Wenn sie die Möglichkeit erhalten, ihr Tun nicht nach dem Tun abzuschließen, sondern - wie im echten Leben - der Frage nachgehen, "was kommt da jetzt für mich als nächstes dran"? Das geht aber nur, wenn nicht die Lehrkraft vorgibt, was jetzt dran ist, sondern es sensibel und prozessorientiert mit den Kindern herausfindet.

Und dabei unterstützen die LernbegleiterInnen und wir Eltern sie und geben ihnen Orientierung: "Was brauchst du als nächstes, welche Kompetenzen fehlen dir noch, sodass du deine angestrebten Schritte setzen kannst?" Aber auch "Ich sehe es als meine Aufgabe, dich darauf aufmerksam zu machen, wenn ich den Eindruck habe, du setzt den nächsten Schritt nicht, obwohl er dran wäre. Wie/was blockiert in Dir? Welche Unterstützung brauchst Du von mir? Welches commitment verlange ich Dir ab...?"

Ja, mit zunehmendem Alter der SchülerInnen nimmt das Bedürnis und die eigene Fähigkeit dazu zu, Austausch über das eigene Lernen und die eigene Entwicklung zu betreiben und ehrliche Rückmeldungen sowie adäquate Hilfestellungen zu erhalten. Zur Orientierung und um mehr und mehr Verantwortung für das Vorantreiben meines eigenen Entwicklungsweges zu übernehmen.

Dann ist da noch die Sache mit den Vorbildern und freundschaftlichen Bezugspersonen, die die Annäherung an das Erwachsenwerden und -sein erleichtern. Mit denen man gute Gespräche führen kann, Zeit verbringt, gelebte Werte teilt, vertrauensvoll in die Zukunft als Erwachsene/r blickt.

Es tat gut, zu resümmieren, dass unsere Schule grundsätzlich all das "drauf hat", das es da wirklich braucht, wenn und damit Kinder sich gut und stimmig vorwärts entwickeln!

Vor allem, in ihrer Persönlichkeitsentwicklung, die mit bedingungslosen Beziehungsangeboten kontinuierlich begleitet wird. So können die natürlichen Auf's und Ab's im Prozess der Auseinandersetzung mit sich, der Welt und den "Handwerkszeugen & Kulturtechniken", die es - neben vielem Anderem - auch braucht, um sich stimmige Plätze in unserer Gesellschaft zu ermöglichen, als individuelle Lernwege beschritten werden. Ja, wir selbst hätten wirklich auch gern SO lernend unsere Kindheit und Jugend verbracht ;-) Fein. Ich halte Sie/Euch gern auf dem Laufenden!

Soviel vorweg: ich erlebe es als wirklich erfüllend, den Entwicklungsweg meines eigenen Kindes mit soviel Bewusstheit zu begleiten, wie es uns Eltern an der Freien Schule ermöglicht wird.

(Birgit B., Mutter)

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